Allgemeine Ziele und Methoden

‘St. Anselmi Fragen an Maria’ ist ein Sonderfall mittelalterlicher Textüberlieferung: Die einzige Passionsdarstellung in Dialogform ist im gesamten deutschsprachigen Gebiet vom 14.–16. Jh. in Vers- und in Prosaformen überliefert. Die derzeit bekannte Überlieferung umfasst 204 Handschriften und 33 Drucke in lateinischer (162), deutscher (69), niederländischer (5) und englischer (1) Sprache.1 Damit ist ‘St. Anselm’ einer der am reichsten überlieferten religiösen Texte des Spätmittelalters. Dieser Quer- und Längsschnitt durch die deutschsprachige Überlieferung erschließt damit sprachhistorisch und dialektologisch Neuland. Durch die Bereitstellung der Daten und Ergebnisse in digitaler Fassung (sowohl linguistisch annotiert als auch philologisch aufbereitet) werden editorisch neue Wege erprobt, die modellbildend wirken sollen.

Die Herausforderung und der Reiz des Materials liegen in interdisziplinären Herangehensweisen, die grundlegend neue Erkenntnisse versprechen, wie erste Forschungsergebnisse bereits zeigen. Unser Projekt nutzt die linguistische und textgeschichtliche Vielfalt nicht nur, um eine Quelle zu erschließen, sondern auch, um methodisch neue Zugänge zu varianter Textüberlieferung zu entwickeln.

Für verschiedene Perspektiven bietet die Gesamtüberlieferung eine lohnenswerte Grundlage:

  1. Ein linguistisches Korpus mit einer einzigartigen Verteilung über das gesamte deutschsprachige und niederländische Gebiet in einem Zeitraum vom 14.–16. Jh.;
  2. ein literarisches Gebilde mit komplexer Redaktionsgeschichte;
  3. ein theologisches Dokument der sich wandelnden Passionsfrömmigkeit.

Ausgehend von der nun vorliegenden Grundlage können signifikante qualitative und quantitative Aussagen für Fragestellungen der Linguistik, Literatur- und Kulturwissenschaft getroffen werden.

Bei der digitalen Aufbereitung der Daten sind neue Ansätze der Digital Humanities zum Teil der Erschließung gemacht worden:

  • Transkription (Überführung der einzelnen Texte in codierte Dateiformate),
  • Kollation (Abgleich eines jeden Zeichens des codierten Dateiformats mit der Handschrift),
  • Konvertierung in handschriftennahe bzw. diplomatische Textversionen der codierten Formate,
  • Präedition auf lexikalischer Ebene,
  • Lese-Korrektur der Texte im Abgleich mit den Handschriften (z.B. zur Klärung unsicherer Lesarten und zur inhaltlichen Kommentierung durch das Erfassen zusammenhängender Textpassagen),
  • Grammatische Annotation,
  • Hyperlemmatisierung/ Verschlagwortung.
  • Die gesamte (zugängliche) deutschsprachige Überlieferung steht für Suchabfragen zur Verfügung.
  1. Aktuell ist ein Text in kroatischer Sprache bekannt geworden, allerdings liegen bislang nur vage Informationen über diesen Textzeugen vor.