Weiterführende Forschung

Nachdem nun die grundlegende Erfassung und Aufbereitung der Texte weitgehend abgeschlossen ist, können nun Analysen unter weiterführenden philologischen und linguistischen Fragestellungen vorgenommen werden. Der Blick liegt dabei vor allem auch auf den größeren kulturhistorischen Kontexten der Zeit. Die geplanten Studien erscheinen gebündelt unter dem Titel

Vertextete Andacht: Schreiben über die Passion im Spätmittelalter

Die auf Verinnerlichung und Andacht ausgerichteten Erneuerungsbewegungen und Reformbestrebungen des späten Mittelalters schlagen sich deutlich wahrnehmbar in den dinglichen Ausstattungsgegenständen, aber auch in der expansiven (Re-)Produktion religiöser, insbesondere erbaulicher Texte nieder. Andacht (abgeleitet von an-denken) als kognitive Größe erfährt einerseits eine Konkretisierung durch die materielle Umsetzung religiöser Inhalte (als kunsthistorische Artefakte), die haptisch und visuell erfahrbar werden; andererseits wird Andacht im und am Buchmedium geübt, indem religiöse Inhalte eine Vertextung und mediale Gestaltung erfahren. In ihrer Bildlichkeit und verbalisierten Farbenpracht steht die textliche Darstellung derjenigen der Andachtsbilder und Flügelaltäre häufig in nichts nach.

Vor diesem Hintergrund sind die weiterführenden Studien zur Parallelüberlieferung von ‘St. Anselmi Fragen an Maria’ situiert, in dem die spätmittelalterliche, landessprachlich abgefasste Passionsdarstellung sprachlich erschlossen, literarisch kontextualisiert und grundsätzlich neu im Kontext der national wie international diskutierten Andachts- und Frömmigkeitskultur bzw. der devotional culture positioniert werden soll. Auch wenn Andachtsliteratur in den Fokus der Forschung gerückt ist, ist doch die anglophone Debatte um devotion als englischsprachiges Pendant in der deutschsprachigen Forschungslandschaft weitgehend folgenlos geblieben – vielleicht, weil devotion mit den im protestantischen Sprachgebrauch zu abfälligen Begriffen gewordenen Termini wie Devotionalienhandel oder devot in Verbindung gebracht wird und die Sprengkraft der abseits organisierter Religiosität oder akademischer Theologie operierenden Devotion nicht erkannt wurde. Hierfür bietet die in Deutschland, den Niederlanden und in England weit verbreitete Passionsdarstellung, die Maria in den Mund gelegt wird, überreiches Material, um komparatistisch vier zentrale Komplexe aufzubereiten:

  1. Medialität und Materialität: Transformation des Textes im Übergang von der Handschrift zum Druck,
  2. Ko(n)textualisierung: Mitüberlieferung in Sammelhandschriften und Überlieferungsverbände in Bibliotheken und Klosterlandschaften,
  3. Textgestaltung: Sprachliche Faktur – Wortschatz, Sprachbildlichkeit und Argumentation,
  4. Erzählgestalt: Narrativik und Poetik – Erzählstruktur, Figuration und Raumkonzeption.

Auf der Basis des vollständigen, nun für weiterführende Studien zu Verfügung stehenden Textmaterials soll ein Kernthema spätmittelalterlicher Frömmigkeit länderübergreifend aufbereitet werden. Insgesamt soll damit der von Theologie und Kulturwissenschaft beschworene devotional turn an einem Text paradigmatisch untersucht werden, der wie kein zweiter in zeitlicher und sprachräumlich breiter Aufstellung die geistlichen Strömungen einer von Umbrüchen und Reformen gekennzeichneten Zeit widerspiegelt.

Der geplante Sammelband beinhaltet Studien von Projektmitarbeiter/inne/n und der Projektleitung und wird voraussichtlich 2018 erscheinen.